Fastenbrechen in der Pauluskirche Ulm

Das schon fast traditionelle Fastenbrechenessen/Iftar in der Pauluskirche Ulm
Ebru-Kunst -die tanzenden Farben im Wasser wurden von Frau Günay vorgestellt.
Ein harmonischer Abend.
Ein Dankeschön an Herrn Pfarrer Rolf Engelhardt.

Anbei mit freundlicher Genehmigung von Herrn Pfarrer Rolf Engelhardt

Rede beim Fastenbrechen

EBRU-Verein

26.06.2015

    Begrüßung

Freundlich willkommen und einen Guten Abend. Wir treffen uns – so wie schon die Jahre zuvor -, um mit Ihnen, unseren muslimischen Mitbürgern, das Fastenbrechen, das Iftar-Essen also, zu begehen.
Und wir verstehen das als Möglichkeit, einander kennen zu lernen, voneinander zu erfahren, uns gegenseitig zu erzählen und uns in all unserer Unterschiedlichkeit wahrzunehmen.

Ich bedanke mich jetzt schon bei den Mitgliedern des EBRU-Vereins, insbesondere Frau Mercan und Herrn Tuncer, für all ihre Mühe, die sie sich gemacht haben und für das sicher wieder leckere Essen.

Lassen Sie mich aus einer Rede von Dr. Abdelmalek Hibaoui zitieren. Er ist Dozent am Zentrum für islamische Theologie an der Universität in Tübingen und sagt:

„Alle Menschen sind Gottes Schöpfung. Gott hat sie aus einer Quelle, aus Adam und Eva in verschiedensten Gestalten geschaffen. Der Islam sieht diese Unterschiede zwischen Menschen als ein Gotteszeichen.

So heißt es im Koran:

Unter Seinen Zeichen ist die Schöpfung der Himmel und der Erde und die Verschiedenheit eurer Sprachen und Farben. Darin sind Zeichen für die Wissenden.

Trotz all dieser Unterschiede haben die Menschen eine grundsätzliche Gemeinsamkeit. Sie sind alle Menschen; niemand mehr als ein Mensch und niemand weniger als ein Mensch. Die Verschiedenheit der menschlichen Gruppierungen darf uns nicht davon abhalten, sie näher kennen zu lernen und ihnen die nötige Toleranz zu gewähren – denn sonst können wir ja unsere Aufgabe als stellvertretende Regenten auf dieser Erde nicht erfüllen.

Ja, darüber hinaus gesehen ist es gerade diese Verschiedenheit der Menschen und ihrer Gruppierungen, die uns die Erfüllung unserer humanen Aufgabe ermöglicht.

Der Koran sagt hierzu:

O ihr Menschen! Wir haben euch aus einem männlichen und einem weiblichen Wesen erschaffen und euch zu Verbänden und Stämmen gemacht, auf dass ihr einander kennenlernt.

Möge dieser Abend also dem gegenseitigen Kennenlernen dienen, damit wir uns besser verstehen und in Frieden miteinander leben können.

    Über unsere Kirchengemeinde
Lassen Sie mich ein wenig über unsere Gemeinde erzählen:

Zu unserer Paulusgemeinde gehören 3.300 Menschen. Geleitet wird diese Gemeinde von mir, meinem Kollegen, Pfarrer Schloz-Dürr und dem Kirchengemeinderat. Der Kirchengemeinderat wird von allen Mitgliedern gewählt. Das sind ganz normale Menschen, die dieses Amt ehrenamtlich ausüben – also Lehrerin, Steuerberaterin, Rechtsanwalt, Geschäftsführer, Rentnerin, Physiotherapeut, Verwaltungsbeamter, usw. Dabei hat bei Abstimmungen jeder eine Stimme, also auch ich.

Unsere Kirche wurde im Jahr 1910 eingeweiht. Sie wurde als Militärkirche für 2.000 Soldaten gebaut, bis sie nach dem Zweiten Weltkrieg zur Pauluskirche wurde.

Heute ist diese Kirche die Konzert- und Kulturkirche im weiten Umkreis. Wir haben sie vor ein paar Jahren so umgestaltet, dass hier ganz verschiedene Veranstaltungen stattfinden können – von großen Konzerten bis zu Abschlussfeiern von Schulen. Natürlich feiern wir hier auch unsere Gottesdienste.

Ganz wichtig ist die Vesperkirche. Da wird unsere Kirche zu einem Restaurant. Wir öffnen vier Wochen lang die Türen für Menschen, denen es nicht so gut geht und geben dabei in jedem Jahr rund 11.000 Mittagessen aus. Daneben gibt es viele weitere Angebote. Unsere Gäste können sich zum Beispiel die Haare schneiden lassen. Es gibt eine Rechtsberatung und eine Beratung für Obdachlose. Es gibt am Nachmittag Kaffee und Kuchen. Es gibt eine Vespertüte, die ein vollwertiges Abendessen enthält. Und es gibt immer einen gemeinsamen Abschluss mit Gebet und Musik.

Unsere Gottesdienste sind sehr vielfältig. Wir feiern Kantatengottesdienste oder Gottesdienste zum Abrahams- und zum Israelsonntag. Mal geht es um Literatur oder den Apostel Paulus, der ja Namensgeber unserer Kirche ist. Mal geht es um eine Ausstellung, die wir hier in der Kirche haben. Oder um unsere Orgel, die ein ganz wertvolles Instrument ist. Einmal im Monat gibt es einen Familiensonntag, wo wir parallel Gottesdienste auch für kleine und größere Kinder feiern. Und wir feiern Gottesdienste mit unseren katholischen Geschwistern von der Georgskirche, jetzt zum Beispiel am kommenden Sonntag.

Bei uns zu Gast sind die eritreischen und die griechisch-orthodoxen Christen.

Es gibt monatlich einen Gemeindebrief, den wir kostenlos an alle Haushalte verteilen, und mit dem wir unsere Mitglieder darüber informieren, was in unserer Gemeinde geschieht.

Es gäbe jetzt noch viel zu erzählen, aber ich höre hier mal auf. Wenn Sie Fragen haben, dann fragen Sie bitte. Wir versuchen, Ihnen Antworten zu geben.

    Der Islam und die Moral des Pluralismus

Lassen Sie mich jetzt bitte noch etwas grundsätzlicher werden.

Ich bin sehr dankbar, dass Sie sich bei unserem Vorbereitungsgespräch so deutlich und klar von jeglicher Gewalt im Namen einer Religion distanziert haben. Sie haben damit auch deutlich gemacht, dass wir alle Respekt voreinander haben und uns gegenseitig in keinster Weise verletzen wollen und dürfen.

Ich zitiere noch einmal aus der Rede von Dr. Abdelmalek Hibaoui:

„Wir alle sind der Überzeugung, dass auf dieser Erdkugel, die für uns alle da ist, die Menschen auf unterschiedliche Art und Weise leben und die Kulturen sich voneinander unterscheiden. Die Menschen sprechen verschiedene Sprachen, auch die Religionen leiten die Menschen auf unterschiedliche Art und Weise.

Die Menschen werden mit unterschiedlicher Hautfarbe geboren, und verschiedene Traditionen geben ihrem Leben auch seine Farbe. Die Menschen kleiden sich unterschiedlich und drücken ihre Ansichten und Überzeugungen auf unterschiedliche Art und Weise aus. Ihre Musik, ihre Kunst und ihre Literatur haben unterschiedliche Stilrichtungen.

Der Islam belehrt als monotheistische Religion seine Anhänger immer wieder dahingehend, dass die Verschiedenheit der Menschen – nicht nur nach Farbe und Vermögen, Geschlecht und Sprache – eine natürliche Sache ist. Er bezeichnet sogar weltanschaulich-religiösen Pluralismus als gottgewollt.

In Sure 11: Vers 118 heißt es:

Und hätte dein Gott es gewollt, so hätte er die Menschen alle zu einer Gemeinde gemacht.

Ein Prinzip, das als Bürgschaft der Religionsfreiheit im Islam gilt, ist der Pluralismus. Der göttliche Wille hat nicht gewollt, alle Menschen zu einer einzigen Religion zu versammeln.

Folgender Koran-Vers drückt dies aus:

Wenn dein Herr es gewollt hätte, so hätten alle Menschen auf der Erde sich die Wahrheit angeeignet und geglaubt. Willst du etwa Menschen Gewalt antun, damit sie glauben?

Der göttliche Wille respektiert also die Wahl des Menschen, für die er sich in seinem freien Willen entscheidet:

Lass den gläubig werden, wer will und lass jenen den Unglauben bevorzugen, der will,

heißt es.

Dies ist ein deutlicher Ausdruck dafür, dass auf den Willen des Menschen Wert gelegt wird, und dass man den Menschen frei handeln lassen sollte, hinsichtlich der Wahl der Religion, die eine lebenswichtige Entscheidung ist. Kernstück dieser umfassenden Haltung intellektueller wie praktischer Duldsamkeit ist die fundamentale Aussage in Sure 2:256:

Es gibt keinen Zwang im Glauben.

Zwang zum Glauben ist also ein untauglicher Versuch. Doch selbst diesen aussichtslosen Versuch zu unternehmen, ist untersagt. Deshalb sollten auch religiöse Streitigkeiten freundlich und friedlich ausgetragen, nämlich in ihrem Ausgang Gott überlassen werden.

So weit der islamische Gelehrte.

Mein Wunsch ist, dass uns allen das gelingen möge. Ich wünsche uns einen Guten Abend.
    Tischgebet

Wir haben vereinbart, dass wir Tischgebete sprechen – ein christliches und ein muslimisches, und ich bete jetzt unser Gebet:

EG 802.6.7.8

Juni 26, 2016

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